Ärztliche Praxis

 Ärztliche Praxis – 1992 falsch abgebogen  

03/15/2022

In diesem Abschnitt geht  es um ein Dokument aus dem Jahre 1992. Vier Jahre nach der Veröffentlichung von Holmes Diagnosekriterien im Jahre 1988, erstellt im  Auftrag der Centers for Disease Control in Atlanta, ist in Deutschland eine Kontroverse entbrannt.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit – Fehlanzeige.


 

In der erläuternden Einleitung der Antwort auf die kleinen Anfrage der Abgeordneten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,  Drucksache 13/6324  vom 27.11.1996, heißt es:

Mehrere Eingaben und Petitionen haben dazu geführt, daß im Oktober 1993 zur Beratung des Bundesministeriums für Gesundheit eine unabhängige Experten-Arbeitsgruppe zum Themenkomplex des CFS berufen wurde.
Die Arbeitsgruppe aus Vertretern unterschiedlicher Disziplinen der Medizin (Immunpathologie, Neurologie, Psychosomatik, Rheumatologie, Infektiologie und Epidemiologie) und der Vertreterin einer Selbsthilfegruppe hatte zur Aufgabe, den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum Komplex des CFS zusammenzutragen und auszuwerten.
Durch die Arbeitsgruppe selbst oder in Verantwortung einzelner Mitglieder wurden Publikationen zum CFS und zu der Überschneidung mit der MCS veröffentlicht. Wissenschaftlich abgesicherte Aussagen über Ausbreitung und Häufung dieser vielschichtigen Symptomatik sind jedoch nach wie vor nicht möglich.“

Univ. Prof. Dr. Wilfried Nix (Neurologe) steht dem Arbeitskreis CFS beim BMfG vor. Mehr Informationen (15.03.2022) über die Tätigkeit, Ergebnisse der Tagungen, Entschlüsse, Protokolle, o.ä. sind nicht in Erfahrung zu bringen. Aus diesem Grund, dient uns dieser kaum bekannter Sonderdruck als Zeitzeuge.
Das Ergebnis, die fortgesetzte Psychologisierung von ME/CFS-Patienten ist bis heute Alltag. 


Ärztliche Praxis – die Zeitung für den Hausarzt

erschien ab Januar 1949 im, von Edmund Jakob Adam Banaschewski 1938 in Berlin gegründeten, Werk-Verlag. Mit im knappen Zeitungsstil aufbereiteten Fachinformationen, informierte diese anfangs wöchentlich jeweils Samstags, ab 1966 Dienstags und Freitags, seine Zielgruppe, „den Arzt in Klinik und Praxis.“ Im 44. Jahr ihres Bestehens, erschien der Sonderdruck:

  Chronisches Müdigkeits-Syndrom  
         Virusinfekt?         
    Angstneurose?    
  Immundefekt?  

Welche Therapie-Empfehlung sich ab dem Jahre 2000 auf Basis des Positionspapieres und der daraus hervorgegangene S 3-Leitlinie „Müdigkeit“ (2017) ableiteten, ist bekannt. Auf welchem wissenschaftlichen Sachstand basierend diese Entscheidung getroffen wurde, muss 1992 schon abenteuerlich geklungen haben. Hierentlang geht es zur ganzen Story.


kuetemeyer.info

Mechthilde Kütemeyer (7.12.1938 – 8.10.2016), Pionierin der Psychosomatik

Die Psychologin:

Dr. med. Mechthild Kütemeyer,
zu jener Zeit Chefärztin der Psychosomatischen Abteilung, St.-Agatha-Krankenhaus Köln


„Die konkrete Diagnose: Ihre Erschöpfung und Unruhe, Ihr Schmerz ist Angst!“ bringt Ordnung, Bündelung in die verwirrende Vielfalt der Beschwerden, erzeugt Sicherheit und Orientierung.“

„Das rätselhafte Müdigkeits- und Schmerzsyndrom, das häufig nach Infekten auftritt, erweist sich als identisch mit der von Sigmund Freud vor 100 Jahren beschriebenen Angstneurose, mit der chronischen Form der lavierten Angstzustände“.

„Während der Depressions-Schmerz als brennend und anhaltend angegeben wird, sind beim CFS die Schmerzen unruhig-wechselnd, steigern sich in Ruhe und nachts, vergleichbar den Mißempfindungen des ebenfalls angst bedingten Restless Legs Syndrome“.

„Die Arzt/Patient- Beziehung, die durch differenzierte Beachtung der Körper-phänomene entsteht, ist das zuverlässigste Instrument zur Aufdeckung somatisch verkleideter Angst. Psychometrische Befunde können diese Anamnese ergänzen, nie ersetzen“.

Infekte sind nicht die Ursache des CFS, sondern die somatische“Schiene“, auf der die zuvor latente oder episodische Angst sich zur schweren psychosomatischen Erkrankung manifestiert.“

Hinterher ist man immer schlauer.

Es fragt sich, ob Frau Kütemeyer bewusst unbeweisbare Aussagen traf, um schlimmeres zu verhindern – dann wurde sie von ihren Kollegen durchschaut. Oder aber, sie war fest davon überzeugt und hat es über die Jahrzehnte versäumt, auch nur eine einzige Studie zum Thema auf den Weg zu bringen. Beides wäre Tragisch und Folgenreich gleichermaßen. 


1986-1998 Berater der WHO und der GTZ mit Studien zur HIV Prävalenz in Blutspendern

Der Virologe


Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. habil. Lutz Gürtler,
Max-von-Pettenkofer-Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie, München

„Die Äußerung der chronischen Müdigkeit entsteht aus dem subjektiven Empfinden, welches mit Meßmethoden nicht objektiviert werden kann.“

Man sollte mit denjenigen Untersuchungen anfangen, die einfach und zumutbar sind.“
„Die wahrscheinlichste Ätiologie richtet sich nach dem Umfeld des Patienten.“

„Die schönste und einfachste Hilfe im ärztlichen Handeln ist, wenn eine exakte
Ursache gefunden und behoben werden kann, z. B.: Schädigung der Magenschleimhaut => Anaemia perniciosa => Vitamin-B12-Gabe.“

Nichts genaues weis man nicht

„Man sollte anfangen“, „sollte man“, „kann man“, „erdnahe Behausungen“, Kantinenessen“, „nach 6 bis 12 Monaten verschwunden“. Wettstreit der Absurditäten oder fester Glaube?


Der Neurologe

Prof. Dr. med. Wilfred Nix,
Leitender Oberarzt, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Mainz.


„Dadurch werden die Diagnosekriterien wiederum sehr unscharf, so daß die Diagnose Chronic Fatigue Syndrome heute ein Sammelbecken ätiologisch sehr unterschiedlicher Erkrankungen darstellt.“

„Meist bietet sich dann weiterführend eine psychosomatische Diagnostik an, der sich jedoch häufig die Patienten nicht unterziehen wollen.“

„Am Krankheitsbild ist lediglich der Name neu, da es bereits auch in der Vergangenheit vergleichbare Erkrankungen gab, die lediglich einen anderen Namen trugen wie etwa Neurasthenie oder benigne myalgische Enzephalomyelitis.“

früher „Yuppie Disease“ – heute High Performer

Der geschickter Formulierer. Hier lernen wir, das gewisse Erkrankungen sicher ausgeschlossen werden können. Woher Dr. Nix seine Realitäten bezieht – man weis es nicht. Auf jeden Fall irgendetwas psychosomatisches, verhaltenstherapeutisches. Keine Pointe.


Der Internist

Dr. med. Arnold Hilgers,
Internist, Düsseldorf

„Zu viele Patienten werden mit psychiatrischen Diagnosen belegt.“

„Hauptkriterien: 1. schwere Abgeschlagenheit mit Reduktion der üblichen Aktivität um 50 Prozent für die Dauer von mindestens sechs Monaten.

2. Ausschluß aller anderen Erkrankungen, die zu 1. führen können.
Nebenkriterien: 1. mäßiges Fieber oder Frösteln, 2. Pharyngitis, 3. Lymphadenopathie, 4. allg. Muskelschwäche, 5. Myalgien, 6. erhebliche, vormals nicht elebte Erschöpfungen nach Anstrengungen, 7. generalisierte Kopfschmerzen, 8. Arthralgien ohne Rötung und Schwellung der Gelenke, 9. neuropsychiatrische Beschwerden, 10. Schlafstörungen.“

„Bei etwa acht von zehn Patienten finden sich bis dato noch nicht festgestellte (Auto-)Immunerkrankungen oder Infektionserkrankungen. Viele dieser Patienten, die bis zu 35 Fachärzte konsultiert haben, wurden letztlich mit psychiatrischen Diagnosen belegt, die nicht der Krankheit entsprachen.“

„Nach dem derzeitigen Wissensstand handelt es sich beim Chronic Fatigue Syndrome um eine komplexe Regulationsstörung der psycho-neuro-immunologischen Achse.
Im Zentrum steht eine Immundysfunktion, die sowohl angeboren als auch erworben sein kann.“

Der Praktiker

Dr. Hilgers ist der Einzige im Quartett, der Patienten mit ME/CFS behandelt und heilt. Die Dr. Hohberger der 1990-2020 Jahre, sozusagen. Internationale Standards als Grundlage, belegbare Anamnese Erfahrungen, differenzierte Diagnose  jedes einzelnen Patienten, so hätte es weitergehen können.
Begriffe wie: Autoimmunerkrankung, HHV-4, HHV-6, angeboren oder erworben, Epstein-Barr-Virus, Herpes-Virus, Zytokine, Immunstörung – war alles schon mal da.

Irgendwie lief dann etwas aus dem Ruder. Soweit aus dem Ruder, das Gutachter zu Rate gezogen wurden z.B. wie Prof. Przuntek.

Prof. Dr. Przuntek traf in seinem Gutachten die Feststellung, dass das Vorliegen eines immunvermittelten Fatigue-Syndroms außer Zweifel sei und dass bei dieser Diagnose ein Therapieversuch mit Immunglobulinen gerechtfertigt gewesen sei,…“

Parkinson-Patienten aus ganz Deutschland verbinden mit diesem Namen die Ayurvedische Klinik in Hattingen, auch bekannt als  NEUROLOGISCHE KOMPLEMENTÄRMEDIZIN, der er bis 2021 vorstand.



KONSEQUENZ: Anscheinend unversöhnlich stehen sich unterschiedliche Krankheitskonzepte beim chronischen Müdigkeitssyndrom gegenüber: hier die somatisch-orientierte, apparativ aufwendige internistische Diagnostik, da die ganzheitlich orienterte psychosomatische Vorgehensweise. Eindeutig scheint zu sein, daß ein isolierter Virusinfekt nicht Ursache der großen Müdigkeit sein dürfte, sondern daß es sich immer um ein komplexes Geschehen handelt.“

„…alle „alten Tugenden“ des Arztest:
Genauigkeit in der Anamnese, Empathie und Führungsstärke.“

„Hier scheint zunächst einmal ganz pragmatisches Handeln angezeigt, die Führung des Patienten ist hier von größter Wichtigkeit, wobei der richtige Zeitpunkt für die richtigen Worte an den Patienten ausschlaggebend sein dürfte. Das heißt, neben der gewissenhaften internistischen – nicht unbedingt apparativ aufwendigen – Diagnostik
sind hier alle „alten Tugenden“ des Arztes besonders gefragt:
Genauigkeit in der Anamnese, Empathie und Führungsstärke. N. B.“




So erhellend die Darstellung der vier Positionen auch ist, mit seiner „KONSEQUENZ“ unterstütz N.B. die, aus heutiger Sicht, unhaltbare Fokussierung auf die Psychosomatik. Dieser „Sonderdruck“ ebnet den Weg zum Positionspapier der Ärztekammer-Nordrhein. Darüber hinaus treibt er mehrere Generationen von ME/CFS Patienten in das System der Psychotherapie, das dafür nicht ausgelegt ist. Es ist bis zum heutigen Tag chronisch überlastet.

In einem Satz von der „ganzheitlich orienterte(n) psychosomatische(n) Vorgehensweise“ zu sprechen und „apparativ aufwendige internistische Diagnostik“ nicht einzubeziehen, ist Stimmungs-Macherei. Die „alten Tugenden“ des Arztes: „Genauigkeit in der Anamnese, Empathie und Führungsstärk“ werden geradezu mit Füßen getreten. Es geht nicht um Führungsstärke, sondern um Macht.

28 Jahre nun ist das gängige Praxis. Mit dem Auftreten des ersten long-COVID Falls, ist ein Neubewertung der Situation im Reich der Möglichkeiten.

 

ÄRZTLICHE PRAXIS - Chronisches Müdigkeits-Syndrom Virusinfekt_ Angstneurose_ Immundefekt_

Quelle

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