Box-Training

Box-Training bei Morbus Parkinson

Neurologisches Boxtraining wurde speziell für neurologische Erkrankungen entwickelt.
Diese kontaktlose Trainingsform eignet sich besonders für an Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder Demenz erkrankte Personen.
Langsam abhanden kommende Fähigkeiten wie zum Beispiel Stabilität, Balance oder Reaktionsgeschwindigkeit werden in einzigartiger Kombination abgefordert. Verlorengegangene koordinative Fähigkeiten werden wiederhergestellt. Stichwort „Dorfkrug“*
Grundsätzlich unterscheidet sich diese Trainingsform wenig von einem herkömmlichen Boxtraining. Es können also durchaus auch Nichterkrankte am Training teilnehmen, Stichwort interpersonelle Interaktion. Jedoch werden in unseren Trainingsprogrammen vermehrt Trainingsinhalte vermittelt, die den kognitiven Bereich ansteuern. Dies gelingt durch die Integration von Elementen des Reha-Trainings.
In Anlehnung an die vier Ringecken, werden symbolisch die vier Lebensstrategien Überwindung, Kontinuität, Niederlage und Sieg thematisiert.
Kontinuierliches Training verhindert, das man sich auf Siegen zu lange ausruht oder nach Niederlagen nicht wieder aufsteht. Der Trainierende bekommt so ganz nebenbei  hilfreiche Strategien im täglichen Kampf mit seiner Erkrankung an die Hand.

parkinsonberlin-Medical-School-Berlin-Box-KulturOhne Vollkontakt betrieben, gibt es keine komplettere, ehrlichere, kämpferische Sportart als das Boxen. Es werden die Bereiche Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit angesteuert. Damit ist das Boxtraining die perfekte Metapher zum Leben. „Wir stecken ein, wir teilen aus, wir fallen hin, wir stehen wieder auf. Probiert es aus und werdet „Kämpfer“.“

Jean Langfeld
Boxtrainer, Reha-Trainer in den Bereichen Neurologie und Orthopädie

Der AOK Selbsthilfe Newsletter 04/2019 hat sich dem Thema gewidmet.
Den Film von der Auftaktveranstaltung findest du hier.
Das schreibt der Boxverband Berlin dazu.

Dorfkrug: Differenzierungsfähigkeit, Orientierungsfähigkeit, Rhythmisierungsfähigkeit, Kopplungsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Umstellungsfähigkeit und Gleichgewichtsfähigkeit. (F steht hier für Fähigkeiten).

Wissenschaftlicher Kontext

Charlton & Barrow haben den fortschreitenden Verlust von mentalen und körperlichen
Funktionen, Unabhängigkeit, Identität und Zukunft als hervorstechende Ängste von
Menschen, die mit einer Parkinson-Erkrankung leben, erfasst.
Nicht mehr die Person zu sein, als die jemand sich kennt, mit den gewohnten Fähigkeiten, stellt eine hohe Herausforderung dar. Als würde dieser Konflikt mit sich nicht ausreichen, führt er auch zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Als krank oder eingeschränkt stigmatisiert zu werden, ist für Betroffene eine unangenehme und keinesfalls seltene Erfahrung. (Charlton & Barrow, 2002, 475ff) Zudem führt ein Mangel an Aufklärung über die Erkrankung zur Reduktion auf die bekanntesten Symptome.
Kein Wunder, dass die soziale Interaktion mit anderen Betroffenen, eine wichtige Coping Strategie darstellt. Hier erst ist ein adäquater Austausch über einander verbindende Themen möglich, z. B. über die Vielfalt der Symptome, die verschiedenen Verläufe, den Erfolg der aktuellen Behandlung, die Medikamente, über den „Umgang mit dem Untermieter Parkinson“.

Der Gruppenzusammenhalt wirkt auch der gefährlichen Isolation entgegen.
Der soziale Vergleich ermöglicht manchen, ihr eigenes Schicksal besser zu bewerten, bei anderen hingegen verstärkt das Treffen mit Betroffenen, deren Krankheit schon weiter vorangeschritten ist, die Angst vor der Zukunft. Wasow zeigt auf, das es nicht für jeden hilfreich ist, sich mit der chronisch fortschreitenden Krankheit auseinander zu setzen, da sich daran nichts verändern lässt. (Wasow, 1986, zitiert nach Charlton & Barrow, 2002, 477)
Es wird deutlich, dass die verschiedenen Grade der Erkrankung und individuellen Bedürfnisse auch unterschiedliche Angebote benötigen.
Die Deutsche Parkinson Vereinigung e.V. in Berlin bietet zwar Selbsthilfegruppen in den
verschiedenen Bezirken, doch das Angebot ist viel zu klein und undifferenziert. Insbesondere Jung-Erkrankte, also sowohl mit jungem Alter, als auch mit junger Diagnose, stehen zu wenig im Fokus. Im Vergleich bewirbt die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Landesverband, Berlin e.V. diverse aktive Kurs, z. B. Yoga, Klettern und Hippotherapie.

Charlton & Barrow haben die Coping-Strategien von Menschen, die an Selbsthilfegruppen teilnehmen und Menschen, die es nicht tun verglichen. Betroffene, die keine Gruppe besuchen, nutzen häufig folgende Strategien Kampfgeist, Ablenkung und Hoffnung. Nichtsdestotrotz konnten sie die Erkrankung akzeptieren. Die Gruppenteilnehmer*innen jedoch akzeptierten die Erkrankung nicht nur, sondern waren auch bereit ihr Leben daran anzupassen. (Charlton & Barrow, 2002, 476f)

Rosqvist et al. untersuchten Faktoren, die die Lebenszufriedenheit von Menschen mit einer Parkinson-Erkrankung beeinflussten. Die signifikantesten Faktoren waren geringe depressive Symptome und Selbstwirksamkeit. (Rosqvist et al., 2017, 69)
Hier wird die besondere Bedeutung von ergänzenden Angeboten deutlich, da die klassische Medikation nur die Bewegungsstörungen behandelt.

Mirabella et al. stellten fest, dass die positiven Effekte vieler ergänzender Therapieformen oft nach zwei Monaten aufgehoben sind. Bei kreativen Angeboten wie Malen, aber auch bei Physiotherapie mangelt es an interpersoneller Interaktion und deren Auswirkungen auf die Bewegungskontrolle.

(Zitat ASH/2019,  Prüfungsleistung von Edda Dettmer, Lisa Didrigkeit, Marie Gödeker und Or Schechter))