Prof. Dr. Joseph Claßen
Die zentrale Aussage von Prof. Dr. Joseph Claßen ist, dass Schlaf bei Parkinson nicht nur ein Begleitsymptom ist, sondern ein möglicher Hebel, um aktiv in den Krankheitsverlauf einzugreifen. Damit verschiebt sich die Perspektive: Schlaf wird von einem passiven Problem zu einer therapeutisch relevanten Größe.
Ein besonders früher Hinweis darauf ist die sogenannte REM-Schlafverhaltensstörung. Dabei bewegen sich Betroffene im Traumschlaf, sprechen oder rufen – oft viele Jahre bevor die typischen motorischen Symptome auftreten. Das zeigt: Parkinson beginnt lange vor der Diagnose, und der Schlaf gehört zu den ersten sichtbaren Bereichen, in denen sich dieser Prozess bemerkbar macht.
1. Einstieg: Schlaf als „Hebel“
Kernaussage:
Schlaf ist nicht nur Symptom bei Parkinson, sondern potenziell Eingriffspunkt in den Krankheitsverlauf.
Einordnung:
→ Verschiebung von „Begleitproblem“ → therapeutische Variable
Punkt 2 sagt im Kern:
Die REM-Schlafverhaltensstörung ist kein nebensächliches Symptom, sondern ein frühes Warnsignal von Parkinson.
Konkret:
Sie tritt oft Jahre bis Jahrzehnte vor der Diagnose auf
- Sie zeigt: Die Erkrankung läuft bereits im Hintergrund, lange bevor Motorik betroffen ist
- Damit gehört sie zur Frühphase der Krankheit, nicht zur Spätphase
Kurz auf den Punkt:
→ Parkinson kündigt sich im Schlaf an, bevor man es im Alltag sieht
Wortlaut:
Pressekonferenz Professor Joseph Claßen
…für Parkinson sein können. Und die Schlafqualität, die könnte aber auch ein spannender Schlüssel sein, um über den Gehirnstoffwechsel in den Krankheitsverlauf einzugreifen. Was es hierzu Neues gibt, berichtet jetzt Professor Josef Klassen, er ist zweiter Vorsitzender der DPG und Direktor der Klinik und Polyklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig.
Vielen Dank, Frau Wilken, auch von meiner Seite. Herzlich Willkommen zu dieser Pressekonferenz. Ich möchte gerne einige neuere Ergebnisse über das lymphatsche System mit Ihnen besprechen und was das mit Gehirnwäsche, Schlaf und der Parkinson-Krankheit zu tun hat. Wir wissen, dass Parkinson-Kranke sehr stark beeinträchtigt sind, was den Schlaf betrifft, etwas, was vielleicht einigen von Ihnen schon mal begegnet ist. Als ein Faktum ist die sogenannte Rem-Schlafverhaltenstörung, also ein Phänomen, dass Parkinson-Patienten im Traumschlaf sich bewegen oder rufen oder andere Geräusche machen. Und das ist eine Störung, die sehr früh auftritt und bei vielen Patienten deutlich vor dem Beginn der motorischen Beeinträchtigung. Das ist also eine bekannte Tatsache. Was aber oft vergessen wird, ist, dass Parkinson-Patienten auch unter vielen anderen Schlafstörungen leiden, Schlaflosigkeit und obstruktives Schlafabnösyndrom, also ein Problem mit der Atmung beim Schlafen, Atempausen und Unterbrechungen, die dann zu einer Sauerstoffentsättigung des Blutes führen. Ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang ist das sogenannte glymphatische System. Das ist das Abfallbeseitigungssystem des Gehirns. Das wurde im 19. Jahrhundert erst malig von dem Leipziger Anatom Hiss beschrieben und ist dann praktisch wieder entdeckt worden, vor gar nicht langer Zeit von der Arbeitsgruppe um Maiken-Nedagard. Was hat es damit auf sich? Das kann man verstehen als ein System, was metabolischen Abfall aus dem Gehirn ausschwemmt. In Räumen, die um die Arterien liegen, wird der Abfall sozusagen durch das Gewebe hindurchgeführt und dann in anderen Räumen wieder aufgenommen und schließlich über das Lymphsystem abgeführt. Das ist ein wichtiges System, weil es unter anderem auch Proteine betrifft, die in Konformationen vorliegen, die ursächlich für Alzheimer sind, aber auch für die Parkinson-Krankheit. Man kann also zeigen, dass, wenn dieses System gestört ist, die Neigung amyloid abzulagern als Merkmal für die Alzheimer-Krankheit, aber auch Alpha-Synoklinen abzulagern als Merkmal für die Parkinson-Krankheit. Diese Neigung nimmt dann zu. Was hat das jetzt nun mit dem Schlaf zu tun? Wir wissen erst seit relativ kurzer Zeit, dass dieses Abfallsystem eng an den Schlaf gekoppelt ist, und zwar nicht an den Schlaf an sich, sondern an die Tiefschlafphasen. Im Remschlaf, also in dem Traumschlaf, ist es praktisch wenig aktiv, aber im Tiefschlaf, der nicht der Remphase zuzuordnen ist, kommt es zu synchronisierten Oszillationen. Und diese Oszillation führen, das ist jetzt hier leider nicht zu sehen, führen dazu, dass sich die Beweglichkeit von Gefäßen so verändert, dass der Transport begünstigt wird. Und es entsteht dann eine Pulsation, die den Abfall sozusagen vorantreibt. Der Schlaf rückt immer mehr in das Zentrum auch medizinischer Versorgung. Es wird erleichtert dadurch, dass man mit Sensoren und künstlicher Intelligenz viele Elemente aus dem Schlaf inzwischen ziemlich leicht registrieren kann. In der Regel geschieht das im medizinischen Kontext in Schlaflabors, aber wir sind auf dem Weg dahin, dass viele Informationen über den Schlaf auch über einfache Techniken, die zu Hause angewandt werden, registriert werden können. Und eine neuere Arbeit zeigt, dass wenn man solche Daten sammelt und mithilfe einer künstlichen Intelligenz auswertet, dass man dann mit hoher Sicherheit eine Reihe von Krankheiten vorhersagen kann, darunter auch neurologische Erkrankungen und insbesondere Demenzerkrankungen, aber auch die Parkinson-Krankheit. Jetzt also ein Wort zu den Schlafstörungen und ihrer Bedeutung für den Krankheitsverlauf bei der Parkinson-Krankheit. Ich möchte Ihnen nur eine Studie hier vorstellen, die an 11 Millionen US-Veteran mit einem mittleren Alter von 60 vorgenommen wurde und man hat sich einmal angeschaut, wie die Wahrscheinlichkeit solcher Patienten, die noch keine Parkinson-Diagnose hatten, sich verändert, wenn man die Patienten aufteilt in solche, die die Diagnose einer Schlafabnö erhalten haben und solche, die das nicht erhalten haben. Und Sie sehen hier, dass das Risiko, eine Parkinson-Krankheit zu entwickeln in einem Zeitraum von fünf Jahren bedeutend ansteigt, wenn eine Diagnose einer Schlafabnö besteht. Und könnte man sagen, das ist vielleicht eine interessante Beobachtung, aber für die Beratung von Patienten nicht interessant. Das scheint aber nicht so zu sein, denn man hat auch eine Analyse gemacht von den Patienten, die früh nach der Diagnose eine Behandlung bekommen haben, ihre Schlafabnö mit einer Schlafmaske und solche, die das erst spät bekommen haben oder die gar keine solche Behandlungen bekommen haben. Und es hat sich ergeben, dass das Risiko ohne Schlafabnö natürlich am geringsten war, aber das Risiko für diejenigen, die eine frühe Schlafmaskenbehandlung bekommen haben deutlich niedriger war als das Risiko der Patienten, die es spät oder gar keine Schlafmaskenbehandlung bekommen haben. Das deutet darauf hin, dass der Schlaf auch ein Verlaufs modifizierender Faktor bei der Parkinson-Krankheit sein kann und das Risiko beeinflusst, dass sich diese Krankheit manifestiert. Welche Möglichkeiten haben wir? Die Maske habe ich schon erwähnt, die sieht so aus, es haben bestimmt einige von Ihnen auch schon mal gesehen. Wir haben aber eine Reihe von anderen Methoden in der Pipeline, wie man den Schlaf auch operativ adressieren kann. Da gibt es auch sogar Ideen, das mit Hirnstimulation zu tun, mit nicht invasiver oder sogar invasiver Hirnstimulation. Das ist also ein ganzer Bogen von der Prä-Klinik bis in die Klinik hinein mit technischen Methoden, den Schlaf zu beeinflussen. Wie können wir jetzt jenseits des Schlafes, das Glymphatsche-System beeinflussen. Auch da gibt es Ansätze. Dexmeditomitin ist eine Substanz, die in der Anästhesologie verwendet wird, die anscheinend das Glymphatsche-System sehr gut beeinflussen kann. Aber es gibt auch hier eine Reihe von operativen oder technischen Lösungen, wie sich das Glymphatsche-System jenseits des Schlafes verbessern kann. Eine dieser Methoden ist eine bestimmte Art der sensorischen Stimulation, nämlich mit 40 Hertz. Eine andere ist eine mechanische Manipulation, bei der man servikale, also im Halsbereich gelegene Lymphabflusswege beeinflusst. Schließlich gibt es sogar den fokussierten Ultraschall, der das Glymphatsche-System positiv beeinflussen kann. Sie sehen also, dass hier auch eine Reihe von Untersuchungen gemacht wird. Hier alles noch prä-klinisch, von denen wir annehmen können, dass sie in den nächsten Jahren auch beim Menschen getestet werden, sodass das Glymphatsche-System als ein therapeutisches Ziel ansprechbar wird. Auf den kommenden Kongress hatte Frau Prof. Brockmann sie schon hingewiesen und ich möchte nur auf eine Veranstaltung hinweisen innerhalb dieses Kongresses, nämlich auf das Eröffnungsymposium. Da werden wir die Ehre haben, Frau Maiken-Nedergaard, also die wesentliche Forscherin, die zur Entdeckung des Glymphatschen-Systems beigetragen hat und das erst beschrieben hat. Und die alle folgenden, darunter auch solche Studien, die ich eben vorgestellt habe, wesentlich mit beeinflusst, werden wir die Ehre haben, Frau Maiken-Nedergaard zu Gast zu haben und sie wird über den Zusammenhang dieses Systems mit neurodegenerativen Erkrankungen sprechen. An dieser Stelle danke ich für ihre Aufmerksamkeit. Vielen guter Schlaf und gesunde Ernährung.
Das klingt banal, aber genau dazu gibt es inzwischen immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse.