L-Dopa-Präparate im Vergleich II

Vergleich zweier nicht retardierter Levodopa/Benserazid-Präparate

Für einen möglichst aussagekräftigen Vergleich wählen wir zwei Präparate verschiedener Hersteller mit derselben Wirkstoffkombination, Dosierung und Darreichungsform.

MerkmalratiopharmDevatis
PräparatLevodopa/Benserazid-ratiopharmLevodopa/Benserazid Devatis
Levodopa100 mg100 mg
Benserazid25 mg25 mg
DarreichungsformTabletteTablette
RetardiertNeinNein
WirkprinzipLevodopa mit peripherem DecarboxylasehemmerIdentisch

Forschungsfrage: Können die unterschiedlichen Hilfsstoffe zweier nicht retardierter Levodopa/Benserazid-Präparate derselben Wirkstärke Unterschiede in der Wirkstoffaufnahme und damit möglicherweise in der Häufigkeit oder Stärke von Dyskinesien erklären?

Dieser Vergleich ist methodisch sinnvoller als die vorherige Gegenüberstellung einer nicht retardierten Tablette mit einer Retardkapsel, weil die Freisetzungsform nicht mehr als wesentlicher Störfaktor hinzukommt.

1. Gegenüberstellung sämtlicher Hilfsstoffe

Die folgende Tabelle basiert auf den Fachinformationen beider Hersteller, insbesondere Abschnitt 6.1.

Ratiopharm
+1

 

HilfsstoffratiopharmDevatis
Mannitol✓✓
Calciumhydrogenphosphat✓¹✓
Mikrokristalline Cellulose✓✓
Povidon K25✓–
Crospovidon Typ A–✓
Maisstärke✓–
Vorverkleisterte Maisstärke–✓
Carboxymethylstärke-Natrium Typ A✓–
Ethylcellulose✓✓²
Eisen(III)-oxid (E172)✓✓
Hochdisperses Siliciumdioxid✓✓
Docusat-Natrium✓✓
Magnesiumstearat✓✓

¹ Bei ratiopharm als Calciumhydrogenphosphat-Dihydrat angegeben. ² Bei Devatis mit spezifizierter Ethoxylgruppen-Konzentration von 48,0–49,5 %.

Die Übereinstimmung ist bemerkenswert: Beide Präparate enthalten viele identische Hilfsstoffe. Die wesentlichen Unterschiede betreffen insbesondere die Bindemittel, Zerfallsmittel und die eingesetzten Stärkeformen.

2. Welche Unterschiede sind pharmazeutisch relevant?

ratiopharm: Povidon K25

Povidon dient üblicherweise als Bindemittel und kann die mechanische Festigkeit und das Auflösungsverhalten einer Tablette beeinflussen.

Devatis: Crospovidon Typ A

Crospovidon ist ein sogenanntes Superzerfallsmittel, das die Auflösung des Tablettenverbunds durch Flüssigkeitsaufnahme begünstigt.

ratiopharm: Maisstärke und Carboxymethylstärke-Natrium

Die Stärke kann je nach Formulierung als Füll-, Binde- oder Zerfallshilfsmittel dienen. Carboxymethylstärke-Natrium fördert typischerweise den Tablettenzerfall.

Devatis: vorverkleisterte Maisstärke

Diese modifizierte Stärke kann insbesondere als Binde- und Füllmittel eingesetzt werden und abhängig von ihrer Qualität und Konzentration auch das Zerfallsverhalten beeinflussen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Devatis zwangsläufig schneller zerfällt oder Levodopa schneller freisetzt. Dazu wären vergleichende Zerfalls- und Wirkstofffreisetzungsprüfungen notwendig.

3. Können diese Unterschiede Dyskinesien beeinflussen?

Eine mögliche Wirkungskette wäre:

Unterschiedliche Hilfsstoffkombinationen

Möglicherweise unterschiedlicher Tablettenzerfall und Wirkstofffreisetzung

Möglicherweise veränderte Levodopa-Plasmakonzentrationen

Mögliche Veränderung von Wirkspitzen und Dyskinesien

Hypothetischer Mechanismus, kein für diese beiden Produkte nachgewiesener Kausalzusammenhang.

Levodopa-induzierte Dyskinesien hängen unter anderem von der dopaminergen Stimulation, dem Krankheitsstadium, der Levodopa-Dosis und der individuellen Empfindlichkeit ab.

Unterschiede in der Resorptionsgeschwindigkeit könnten daher theoretisch Auswirkungen haben. Allerdings sind beide Arzneimittel als nicht retardierte Präparate zugelassen. Die Zulassung als Generikum erfordert entsprechende Nachweise der pharmazeutischen Qualität und gegebenenfalls Bioäquivalenz.

Aus den unterschiedlichen Hilfsstofflisten allein lässt sich kein erhöhtes Dyskinesierisiko für einen der beiden Hersteller ableiten.

4. Unterschiede in der Teilbarkeit

Auch die Teilbarkeit kann für Parkinsonpatienten praktisch bedeutsam sein.

EigenschaftratiopharmDevatis
FarbeRötlichHellrot
FormRund, bikonvexRund
BruchrilleEinfache BruchrilleKreuzbruchrille auf beiden Seiten
Teilbarkeit laut FachinformationZwei gleiche DosenZwei oder vier gleiche Dosen
Kleinste ausgewiesene Teildosis50 mg Levodopa25 mg Levodopa

Die Devatis-Tablette bietet damit laut Fachinformation eine feinere Teilbarkeit. Das kann bei individuell abgestimmten Einzeldosen praktisch relevant sein, sagt aber nichts darüber aus, ob sie weniger Dyskinesien verursacht.

Ratiopharm
+1

 

5. Wissenschaftliche Bewertung

FragestellungBewertung
Sind die Wirkstoffe identisch?Ja
Ist die Wirkstärke identisch?Ja
Sind beide nicht retardiert?Ja
Sind die Hilfsstoffe identisch?Nein
Könnten Hilfsstoffe die Freisetzung beeinflussen?Pharmazeutisch plausibel
Ist ein Unterschied der Levodopa-Plasmaspiegel zwischen diesen Produkten nachgewiesen?Aus den vorliegenden Fachinformationen nicht ableitbar
Verursacht eines der Präparate nachweislich mehr Dyskinesien?Kein entsprechender direkter Nachweis vorliegend

6. Fazit für „Levodopa – das vergessene Wissen“

Der Vergleich zeigt, dass zwei nicht retardierte Levodopa/Benserazid-Präparate trotz gleicher Wirkstoffe und gleicher Dosierung unterschiedliche pharmazeutische Formulierungen besitzen.

Besonders interessant sind die Unterschiede zwischen Povidon und Crospovidon sowie zwischen den verwendeten Stärke- und Zerfallsmitteln.

Diese könnten das Auflösungsverhalten beeinflussen. Ob daraus klinisch relevante Unterschiede bei der Levodopa-Aufnahme entstehen und ob diese Dyskinesien beeinflussen, ist jedoch für das konkrete Präparatepaar nicht belegt.

Für die weitere Forschung wäre deshalb ein direkter Vergleich der Freisetzungsprofile und pharmakokinetischen Parameter beider Präparate besonders aufschlussreich. Dazu gehören insbesondere die maximale Plasmakonzentration (Cmax), die Zeit bis zu ihrem Erreichen (Tmax) und die gesamte Wirkstoffexposition (AUC).

Originalquellen

Eine eigenständige Umstellung oder Veränderung der Dosierung sollte nicht allein aufgrund der Hilfsstoffunterschiede erfolgen.

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